Connewitz, 11. Januar 2016 – Zehn Jahre danach

12. Januar 2026

PEGIDA, die rassistische Gruppierung in Dresden, die zur Bewegung geworden war, strebte ihrem Höhepunkt entgegen. Ableger in anderen Städten entstanden, die nach dem gleichen Konzept, mit der gleichen Ideologie vorgingen. Sie wirkten als Beschleuniger der Rechtsentwicklung im Freistaat. Immer mehr sich als konservativ verstehende Politiker*innen kamen zu der Meinung, es sei doch eine gute Idee, den Anhängern dieser Bewegung zuzuhören und mit ihnen zu reden.

In Leipzig entstand so als Ableger LEGIDA, dominiert von Kadern der extremen Rechten und – seit ihrer ersten Demonstration deutlich erkennbar – noch eindeutiger auf der extremen Rechten zu verorten als das Original. Am 11. Januar 2016 fand erneut eine Demonstration von LEGIDA statt. 2.000 Menschen gingen dagegen auf die Straße.

Diese Konstellation nutzte eine Gruppe von weit mehr als 250 organisierten Neonazis, Kampfsportlern und rechten Hooligans, um in den links geprägten Stadtteil Connewitz einzufallen und dort eine Spur der Verwüstung zu ziehen. Es sollte eine Machtdemonstration werden. Konspirativ geplant und vorbereitet sollte nachdrücklich gezeigt werden, dass linke und antifaschistische Strukturen auch in ihrer Hochburg angreifbar sind. Es wurde zur geplanten Machtdemonstration. Und es scheiterte letztlich kläglich. Der allergrößte Teil des rechten Mobs wurde noch an Ort und Stelle festgenommen.

Juristisch ist dieser Angriff in SA-Manier inzwischen nach einer endlosen Reihe von Verfahren weitgehend abgeschlossen. 212 Angeklagte sind rechtskräftig wegen des besonders schweren Falls des Landfriedensbruchs verurteilt worden. Es gab nur zwei Freisprüche. Trotzdem kann das Ergebnis nicht befriedigen.

Die längste letzte Reihe der Welt

Erst zweieinhalb Jahre nach dem Überfall fand der erste Prozess statt. Weder wurden die Drahtzieher und Hintergründe des geplanten und koordinierten Angriffs ermittelt, noch gab es ernstzunehmende Konsequenzen für die Beteiligten. Unisono behaupteten die Angeklagten, nichts von dem geplanten Angriff gewusst, etwas gesehen oder sich daran beteiligt zu haben. Alle minimierten ihre eigene Rolle und behaupteten, nur ganz hinten mitmarschiert zu sein. Es muss sich demnach um die längste letzte Reihe der Welt gehandelt haben. Und natürlich gab es keine erste Reihe. Die verhängten Strafen können nur als ausgesprochen milde bezeichnet werden.

In einer Pressemitteilung zum Jahrestag des Überfalls auf Connewitz unterstreicht die linke Landtagsabgeordnete Juliane Nagel, die dort auch ihr Wahlkreisbüro, das Linxxnet, hat: „Für die Beteiligten bleibt das Bewusstsein, wie wichtig Solidarität und der gemeinsame Kampf gegen Faschismus sind. Das wird den Stadtteil und seine Bewohnerinnen und Bewohner weiter zusammenhalten.“ Ja, Solidarität ist eine Waffe. Und Connewitz ist ein Beleg dafür, dass diese Waffe keineswegs stumpf ist.

Ten Years After: Ein neuer Marsch auf Connewitz

Ob diese Waffe weiterhin vorhanden ist, muss sich jetzt – pünktlich zum 10. Jahrestag – bei einem erneuten Marsch auf Connewitz herausstellen. Für den 17. Januar 2026 rufen Gruppen, die sich selbst als „palästinasolidarisch“ charakterisieren, zu einem Marsch durch Connewitz auf. Explizite Ziele dabei sind Juliane Nagel als Person, das Linxxnet und das linke soziokulturelle Zentrum Conne Island.

Der Vorwurf: die angesprochenen Ziele seien „zionistisch“, „rassistisch“, „ultradeutsch“. Sie seien nicht links, sondern rechts. Wer antifaschistisch sein wolle, müsse auch „palästinasolidarisch“ sein. Ansonsten sei man „Zionist“. Bei Handala, einer der zur Demonstration aufrufenden Gruppen, heißt es dazu in einem Post, in dem sie sich von den Angeklagten im Antifa-Ost-Verfahren entsolidarisieren, wörtlich: „Zionisten sind keine Antifaschisten, sondern Herrenmenschen, die auf den Gräbern unserer Märtyrer tanzen.“ Von ähnlicher Qualität sind die restlichen Vorwürfe. Sie disqualifizieren sich selbst.

Natürlich ist es möglich, für das Existenzrecht Israels einzutreten und gleichzeitig die rechte, in Teilen faschistische Regierung Netanjahus zu verurteilen. Tausende und abertausende Menschen stellen das jede Woche in Israel bei ihren Demonstrationen gegen diese Regierung unter Beweis. Und natürlich kann man gegen jeden Antisemitismus sein und gleichzeitig solidarisch mit der leidenden Bevölkerung in Gaza sein. Bei den „palästinasolidarischen“ Gruppen scheint es allerdings eher so zu sein, dass sie ihre Aufgabe darin sehen, den Kurs der Hamas propagandistisch zu unterstützen.

Zehn Jahre später wird es also einen zweiten Marsch auf Connewitz geben. Andere Akteure, gleiches Feindbild. Diesmal ist man vorbereitet. Der Stadtvorstand der Linkspartei hat sich von dieser Demo distanziert. Und an diesem 17. Januar wird es, Treffpunkt Connewitzer Kreuz, Gegenaktionen geben. Zahlreiche Leipziger Gruppen rufen dazu auf, Unterstützung gibt es auch aus anderen Städten. Es gilt, antifaschistische Strukturen und Einrichtungen zu schützen. Einerlei von wem sie angegriffen werden.

Kerstin Köditz
Landessprecherin der VVN-BdA Sachsen e.V.

„Terrororganisation Antifa“ – Ein Ammenmärchen wandert von den USA ins Erzgebirge

16. Dezember 2025

Von den Romanen des großen Stefan Heym war mir „Schwarzenberg“ immer am wichtigsten. Nach dem Ende der Nazi-Diktatur wird im für einige Wochen unbesetzten Schwarzenberg versucht, mit einem antifaschistischen Aktionsausschuss den Traum von einer freien Republik, einer Demokratie von unten, unter größtmöglicher Einbeziehung aller Einwohner*innen zu verwirklichen. Natürlich ohne und gegen die Nazis. Ein Traum, ein schöner Traum. Er scheitert. Natürlich.

Politisch ist vom Traum der „freien Republik“ nichts geblieben. Die CDU ist mit ihren sieben Sitzen stärkste Fraktion im Stadtrat. Noch. Gefolgt von der AfD mit sechs Sitzen. Drittstärkste Kraft ist eine lokale Besonderheit, die „Freien Bürger Schwarzenberg“ mit 16,9 Prozent und vier Mandaten. Ihr Fraktionsvorsitzender, Jens Döbel, wurde bekannt als der Schöpfer des „Pegida-Galgens“ mit der Aufschrift „Volksverräter“. Obwohl die Gruppierung offiziell parteiungebunden ist, stellt sie faktisch den lokalen Ableger der Kleinpartei Freie Sachsen dar, der Konkurrenz der AfD von rechts. Zehn der 21 Sitze des Stadtrates sind also mit Vertretern der extremen Rechten besetzt.

Man kann es nur als mutig bezeichnen, wenn angesichts solcher Verhältnisse ein alternatives Projekt vor Ort, dessen Hausprojekt in der Vergangenheit wiederholt von Polizeiübergriffen betroffen war, für den 13.12. – den ACAB-Day – eine Demo gegen Polizeigewalt organisiert, auch in Solidarität mit den Angeklagten der Antifa-Ost.

Der weitere Verlauf war ein Lehrstück. Schnell wurde vor Ort das Gerücht hegemonial, die Demo richte sich gegen den Weihnachtsmarkt und die am gleichen Tag stattfindende traditionelle Bergparade. Natürlich kräftig befeuert von den Freien Sachsen, die gar von „Waffenlagern“ in dem Hausprojekt schwadronierten, und von rechten Medien wie „Compact“. „Aufgewacht“, das Monatsblatt der Freien Sachsen, titelte „Antifa-Terroristen – Von Hämmern zu Handschellen“.

Das Framing von Trump, Orban und anderen der Antifa als „Terror-Organisation“ war damit in der sächsischen Provinz angekommen. Zu den Folgen heißt es im Polizeibericht lapidar: „Im Bereich der Bahnhofstraße, kurz vor der Brücke über das Schwarzwasser, versuchten rund 120 Personen aus dem Gegenprotest an das Ende des Aufzuges zu gelangen. Als mehrere Personen die Polizeiabsperrung durchbrachen, musste die Gruppierung zurückgedrängt werden. Es kam zum Einsatz von Pfefferspray.“ Mehrere hundert Neonazis (und Bürger Schwarzenbergs) versuchten immer wieder die Demo anzugreifen. In ihren Augen legitim; auf der anderen Seite waren ja Terroristen.

Trumps Label als „Terror-Organisation“ erscheint uns lächerlich, zeigt aber Wirkung. Befeuert nicht zuletzt von den sozialen Medien, von allgegenwärtigen rechten Streamern, die ihre Version der Geschehnisse live in die Wohnzimmer bringen. Ohne Korrektiv durch Lokalzeitungen und -fernsehen. Befördert von den Akteuren der extremen Rechten vor Ort. Gegenkräfte? In der Provinz kaum vorhanden. Natürlich gibt es ein Mittel dagegen: Solidarität! Sie ist bitter nötig.

Kerstin Köditz, Landessprecherin

Broschürenempfehlung: Gespräche beim Tee

7. Dezember 2025

Sie braucht länger zur Tür – doch ihre Augen leuchten. Maja Rosenthal, geboren im Moskau der 1930er, verliert früh den Vater an Stalins Verfolgungswahn, die Mutter in den Wirren des Krieges, die Schwester an die Entfernung. Kinderheim, Evakuierung, Hotel Lux: Stationen eines Lebens zwischen Sowjetunion und Deutschland, Schweigen und Stimme.
Aus Gesprächen bei Tee und Gebäck entsteht ein Zeugnis: von Mut im Kleinen, von Liedern, die trösten, von Zügen, die nicht ankommen – bis zu der Entscheidung, sich im größer gewordenen Deutschland den Neonazis entgegenzustellen. 2025 wollte Maja den 8. Mai feiern. Sie fehlt – ihre Geschichte nicht.
Eine literarisch-dokumentarische Erinnerung über Exil, Identität und Zivilcourage. Der Text leistet einen Beitrag zur antifaschistischen Erinnerungsarbeit, ohne Hass und Besserwisserei. Lasst uns im Gespräch bleiben, das Heute verstehen, indem wir aus dem Gestern lernen.

Zu beziehen ist die Broschüre beim VVN-BdA Leipzig e.V.

Buchankündigung: Wie Lämmer zur Schlachtbank?

23. November 2025

Am nachfolgend vorgestellten Buch arbeiteten auch Mitglieder unseres Vereines mit. Wir möchten es an dieser Stelle gerne mittels der Verlagsankündigung vorstellen:

Bertram Seidel, Gabriele Seidel, Enrico Hilbert (Hrsg.)
Wie Lämmer zur Schlachtbank?
Jüdischer Widerstand und Verweigerung aus der jüdischen Bevölkerung in Sachsen gegen da NS-Regime 1933-1945

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Rede von Kerstin Köditz, Landessprecherin der VVN-BdA Sachsen e.V. bei der Gedenkveranstaltung in Zwickau anlässlich der Novemberprogrome 1938

12. November 2025

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Zwickau, 9. November 2025

Der 8. und 9. November 1923. In München scheitert der Hitler/Ludendorff-Putsch, dessen Ziel die Beseitigung der demokratischen Republik war. Unterstützung erhielten die Nazis von der Bayerischen Staatsregierung, die zum rechten Flügel des Konservatismus zählte, sowie von Führern der Armee und der Landespolizei. Der Stellvertreter des diktatorisch agierenden Generalstaatskommissars Gustav Ritter von Kahr, der Herr Hubert von und zu Aufseß, erklärte wenige Wochen vor dem Putsch zu den Zielen der antidemokratischen Aktionen in Bayern: „Es heißt für uns nicht: Los von Berlin! Wir sind keine Separatisten. Es heißt für uns: Auf nach Berlin! Wir sind seit zwei Monaten von Berlin in einer unerhörten Weise belogen worden. Das ist auch nicht anders zu erwarten von dieser Judenregierung.“ „Judenregierung!“ Passend zu diesem offenen Antisemitismus wurden während des Putsches jüdische Menschen als Geiseln genommen.

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