Mitgliederversammlung der VVN-BdA Sachsen mit Gedenken am VVN Denkmal in Frankenberg
5. September 2025
Rede von Kerstin Köditz (Sprecherin der VVN-BdA Sachsen) beim Gedenkmeeting:
Elf Jahre. Elf lange Jahre. Elf Jahre Schweigen. Elf Jahre, in denen wir in Ruhe verharren müssten, wenn wir all jenen, die von den Nazis in Konzentrationslagern umgebracht worden sind, jeweils eine Minute gedenken wollten. Elf Jahre!
Und da sind all jene Opfer noch nicht mitgerechnet, die Zuchthaus oder KZ überlebt haben. Es sind jene nicht mitgerechnet, die als Familienangehörige leiden mussten. Es sind jene nicht mitgerechnet, die vor den Nazis ins Ausland fliehen mussten. Es sind jene nicht mitgerechnet, die selbst schweigend verharrten, in ständiger Angst, dass Reden sie selbst ebenfalls zu Opfern machen würde. Es sind selbstverständlich
auch jene Millionen und Abermillionen Menschen noch nicht mitgerechnet, die durch den mörderischen Angriffskrieg der Nazis ums Leben kamen, ihr Hab und Gut verloren,
ihre Heimat fliehend verlassen mussten, die beim Kampf gegen diesen Feind der Menschheit fielen, entweder als Soldatinnen und Soldaten oder als Partisaninnen und Partisanen.
Lange vor diesem Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, lange vor den ersten Konzentrationslagern hatte es die deutliche Mahnung gegeben: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“ Hindenburg wurde gewählt. Trotz dieser Mahnung. Ihr wurde schlicht nicht geglaubt. Viele, viel zu viele Menschen waren überzeugt, dass in einer parlamentarischen Demokratie die Macht nicht einfach an die entschiedenen Feinde dieser Demokratie übergeben werden würde. Ein verhängnisvoller Irrglaube. Das wissen wir heute.
Und ein knappes Jahr später bereits mussten diese Leute erfahren, dass der erste Teil der Voraussage zutraf. Nur sieben Jahre später überfielen die Nazis Polen und der vorausgesagte Krieg begann, der Zweite Weltkrieg. Im Wahlaufruf des Hindenburgausschusses, der für seine Wahl warb, hieß es, Hindenburg stehe für die „Überwindung des Parteigeistes“ und sei „Sinnbild der Volksgemeinschaft“. Dies hätte selbstverständlich auch in einem Wahlaufruf für Hitler stehen können. Hindenburg selbst appellierte an den „Geist von 1914“. Jenen Geist, der zu Jubelrufen für den Ersten Weltkrieg führte. Mit der Wahl Hindenburgs, bereits mit diesem Wahlkampf unter diesen Parolen, wurde der demokratiefeindliche Geist nur noch zusätzlich gestärkt, wurde die Machtübergabe an die Nazis nur unwesentlich hinausgezögert.
Der Krieg nach außen ab dem 1. September 1939 wurde vorbereitet durch den Krieg im Inneren, den Krieg gegen alle, die auf der Seite der Demokratie standen, den Krieg gegen alle, die eine soziale Republik wollten. Nur zwei Monate dauerte es dann, die Demokratie vollständig zu zerstören. Die ersten Konzentrationslager entstanden bereits nach wenigen Wochen für die politischen Gegner der Nazis. Viele, sehr viele dieser frühen KZs auch in Sachsen. Hier fanden sich alle jene wieder, die Gegner der Nazis waren ungeachtet ihrer politischen Ausrichtung. Auch jene, die in der Überzeugung, der Republik damit zu dienen, vorher für die Wahl Hindenburgs geworben hatten.
Lange vorüber, lange vorbei? Das kann uns doch heute nicht passieren? „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“ So mahnte der Auschwitz-Überlebende Primo Levi 1986.
12 Jahre vorher, in einem Beitrag zum 8. Mai 1974, hatte er bereits gemahnt: „Jede Zeit hat ihren eigenen Faschismus.“ Für diesen Faschismus brauche es keine erneute Machtübertragung an die Faschisten. Es sei sehr wohl möglich, dass es keines erneuten Bruchs bedürfe, dass der Faschismus sich in der Demokratie entwickeln könne, mit den Mitteln der Demokratie die Demokratie zerstört werde. Es brauche keine Squadras und keine SA; die Unterdrückung sei auch auf andere Weise möglich.
Heute, achtzig Jahre nach dem Ende der faschistischen Regimes, heute, achtzig Jahre
nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, heute sehen wir, dass die damaligen Mahnungen von Primo Levi leider mehr als berechtigt waren. Ein neuer Faschismus breitet sich aus. Von Indien über die Türkei und Ungarn bis in die USA. Das heutige Russland unter Putin hat deutlich faschistische Züge. In Israel herrscht eine zumindest in Teilen faschistische Regierung – gegen den erbitterten Widerstand eines großen Teils der eigenen Bevölkerung! In anderen Ländern, wie in Großbritannien und Frankreich, sind Parteien der extremen Rechten bereits die stärkste Kraft.
Und auch bei uns in Deutschland, besonders deutlich bei uns in Sachsen, sehen wir ein ständiges Wachstum faschistischer Kräfte, dass noch zusätzlich befeuert wird durch eine Radikalisierung des Konservatismus, der zunehmend Positionen der extremen Rechten übernimmt. Sollten die verbreiteten Befürchtungen zutreffen, dann haben wir nächstes Jahr die erste Landesregierung der AfD.
Und Krieg herrscht schon lange. Wieder. Und immer noch. Inzwischen auch bei uns in Europa. Aber keineswegs nur. Neben dem Krieg in der Ukraine, gibt es den Krieg in Nahost in Israel und Gaza, den Bürgerkrieg in Äthiopien, den Krieg in Myanmar sowie den Krieg im Sudan. Um nur die größten zu nennen.
Als vor 80 Jahren die Häftlinge des KZs Buchenwald befreit wurden und sich selbst befreiten, schworen sie unabhängig von ihrer Nationalität, unabhängig von ihrer politischen Einstellung: „Die endgültige Zerschmetterung des Nazismus ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal.“ Wirklichen Frieden kann es ohne Freiheit nicht geben. Beides gehört zusammen. Ein Frieden ohne Freiheit ist nur Friedhofsruhe. Von der „endgültigen Zerschmetterung des Nazismus“ sind wir heute weit entfernt. Von einer Welt „des Friedens und der Freiheit“ ebenso. Meilenweit. Was also können wir tun? Weitermachen! Was sonst? Wir werden mit unseren schwachen Kräften den Aufstieg des Faschismus nicht stoppen können. Wir werden die Kriege nicht beenden können. Aber wir können unseren kleinen Beitrag dazu leisten. Wir müssen es. Also: Weitermachen! Was sonst.




