Vor 90 Jahren: Propaganda-Olympiade in Berlin

1. August 2026

Aus dem wöchentlichen Newsletter der Fédération Internationale des Résistants – Association antifasciste (FIR) vom 1. August 2026:

Schon im Altertum setzten die Mächtigen Sportereignisse zur Beruhigung der Beherrschten ein – „panem et circenses“ (Brot und Spiele) hieß der Slogan. Wie dieses Prinzip bis heute funktioniert, konnte man bei der Fußball-Weltmeisterschaft erleben, als während dieser Tage in den USA sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Spiele und nicht auf die Regierungspolitik richtete. Gleichzeitig versuchte Präsident Trump durch seine Anwesenheit beim Finale, ein wenig „Glanz“ dieser Spiele auf sich scheinen zu lassen. 

Vor 90 Jahren vom 1. bis 16. August 1936, erlebte man im faschistischen Deutschland ebenfalls einen solchen Propaganda-Auftrieb bei den Olympischen Spielen in Berlin. Zwar war die Vergabe der Spiele an das Deutsche Reich bereits 1931 erfolgt, aber das faschistische Deutschland nutzte die – aus seiner Sicht – großartige Gelegenheit, sich als „friedlicher“ und „weltoffener“ Staat zu präsentieren, in dem Ruhe und Ordnung herrschte. 

Zur ideologischen Wirksamkeit dieser Spiele gehörte die Inszenierung des Images des NS-Regimes. Propagandaminister Joseph Goebbels wies die Presse an, nationalistische Töne in der Olympia-Berichterstattung zu mäßigen. Rassistische Kommentare über schwarze Sportlerinnen und Sportler seien zu vermeiden. Selbst der öffentliche Verkauf des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“ wurde während der Olympischen Spiele eingestellt. Vor den touristischen Orten in Bayern wurden die dort platzierten Schilder „Juden sind hier unerwünscht“ abmontiert, um keine Störung der beabsichtigten Bilder zuzulassen. 

Und tatsächlich war diese Vermittlung des öffentlichen Bildes des faschistischen Deutschlands erfolgreich. Mit 49 teilnehmenden Nationen und 3961 Athleten stellten die Olympischen Spiele in Berlin einen neuen Teilnehmerrekord auf. Nur die Sowjetunion sagte ihre Teilnahme an den Spielen aus politischen Gründen ab. Um diesen Eindruck auch deutschen „Volksgenossen“, die nicht in Garmisch oder Berlin anwesend sein konnten, zu präsentieren, wurde die Regisseurin Leni Riefenstahl mit der filmischen Dokumentation der Spiele beauftragt. Der zweiteilige Film „Olympia“ wurde nach den Spielen in fast allen deutschen Kinos gezeigt. 

Da bei den Spielen natürlich auch sportliche Leistungen über das Ansehen einer Nation entschieden, war das faschistische Deutschland bereit, selbst Sportler, die eigentlich außerhalb der „Volksgemeinschaft“ standen, zum „Ruhme Deutschlands“ antreten zu lassen – bevor sie anschließend wieder verfolgt und oftmals getötet wurden. Die Fechterin Helene Mayer, als „Halbjüdin“ denunziert, gehörte der deutschen Olympiamannschaft an und gewann eine Silbermedaille. Ein anderes Beispiel war Werner Seelenbinder, mehrfacher deutscher Meister im Ringen und Kommunist. Erst 1942 wurde er wegen antifaschistischem Widerstand verhaftet und 1944 im Zuchthaus Brandenburg enthauptet. 
Wir erinnern aber auch daran, dass die Olympischen Spiele in Deutschland zu einem Aufschwung des antifaschistischen Widerstandes führte. Die Rote Sport-Internationale und die Sozialistische Arbeitersport-Internationale riefen zu einem Boykott der Spiele auf. Gleichzeitig nutzten Widerstandsgruppen im Exil die Gelegenheit, die zahlreichen Besucher aus dem Ausland mit z.T. mehrsprachigen Flugblättern über die Wirklichkeit im faschistischen Deutschland aufzuklären. Die Gestapo und der SS-Sicherheitsdienst registrierten in den Wochen vor den Spielen eine große Zahl illegaler Flugschriften. 
Ein besonders eindrucksvolles Material war eine „Übersichtskarte über die Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse in Deutschland“. Diese Landkarte mit mehr als 100 Haftstätten im Deutschen Reich wurde als Faltkarte in verschiedenen Fassungen verbreitet, unter anderem als Tarnschrift unter dem Titel „Lernen sie das schöne Deutschland kennen“. Bereits zuvor waren Kopien an ausländische Gäste und Sportler, die an der Olympiade teilnahmen, geschickt worden. Allein die schiere Zahl der Haftstätten des faschistischen Lagersystems, die auf der Zeitungsformat großen Karte verzeichnet waren, war für jeden Betrachter selbsterklärend. 

Mit dem Ende der Olympischen Spiele, der Abreise der Gäste aus aller Welt, wurde der Terror im faschistischen Deutschland wieder Alltag. Gegen die Idee des „olympischen Friedens“ wurde Ende 1936 der Vier-Jahres-Plan zur Kriegsfähigkeit beschlossen. Und so bleibt die Erinnerung an die Olympischen Spiele in Berlin 1936 weniger verbunden mit den schönen Bildern der Propaganda, sondern mit dem Ausblick auf den Zweiten Weltkrieg und damit verbunden der Massenverbrechen gegen die Menschheit. 

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